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Sesamstrasse - live: Ein Erlebnisbericht


Helle Kinderstimmen rufen aufgeregt durcheinander, kleine Füße trappeln ungeduldig auf dem Linoleum des Foyers, Mütter rufen nach ihren Kindern, die sich entweder vor dem "Devotionalienstand" (Ernie-Taschenlampen für nur sieben Euro ...) oder der Popcornmaschine (kleine Tüte: ein Euro achtzig) drängeln, während vereinzelte Väter noch schnell eine letzte Entspannungszigarette auf "Ex" zu Ende schmauchen, bevor Kind und Kugel, Eltern mit Tuch oder Kinderwagen für die ganz Kleinen, Omas beim vergeblichen Versuch der Bändigung lebhafter Vierjähriger und gesetzte Papas in Jackett und Krawatte zu Hauf in den Saal drängeln (der dennoch nur zur Hälfte gefüllt ist; Kunststück: es ist ja die "Spätvorstellung" ;-))

Das Gros der Besucher ist kleiner als ein Meter zwanzig, was in Jahren einem geschätzten Alter von vier bis sechs Jahren entspricht und für den Veranstalter erfreulicherweise bedeutet, dass es sich da um Vollzahler handelt (ab drei wird Eintritt verlangt und zwar derselbe Preis, egal ob Kind oder Erwachsener). Doch auch die Fraktion der acht bis zehnjährigen ist vertreten und gesichtet werden auch Teenager-Fanclubs, die sich allerdings die Begleitung von Mama und Papa gespart haben und stattdessen händchenhaltend zu ihren Plätzen schlendern, wo sie - als wären sie im Kino - die ersten Küsse tauschen, noch ehe das Licht im Saal erloschen ist.

Dann geht es lo-hos:
Die aus Film und Fernsehen bekannten Gestalten (von Samson, Ernie und Bert, über Elmo, Grobi, Graf Zahl, Krümelmonster, Mariechen und Rumpel bis hin zu Telly und Sina und wie sie alle heißen), allesamt mannshoch und in bunte Zottelkostüme gewandet nehmen auf der Bühne Aufstellung und verkünden, dass sie mit dem Aufbau einer großen Show beschäftigt sind, für die nun die Proben beginnen: Und zwar soll jeder seinen Wunschberuf, wenn er/sie denn groß sein wird, in (gesungenem) Wort und (getanztem) Bild darstellen.

Klar, dass sich da die munteren Gesellen nicht lange bitten lassen: Bert, der auf den Job des Oberförsters steht, lässt einen ganzen Wald aufmarschieren, in dem selbst die Bäume sich mit einer schmissigen Melodie zu Wort melden. "WENN IHR ZU UNS IN DIE WÄLDER KOMMT..." Grobi ruft den Kindern als zukünftiger Verkehrspolizist nochmals in Erinnerung, WIE sie denn die (Sesam-) Strasse zu überqueren haben: "GEH'N, NIEMALS RENNEN. GEH'N! GEH'N! GEH'N!" Die Mädchen machen ein für allemal klar, dass FRAUEN WERDEN WAS SIE WOLLEN, wozu beispielsweise gehört, dass jemand, der Talent hat, mit Nadel und Faden umzugehen, eine wundervolle Ärztin abgibt ("denn da muss man Wunden zunähen").

Und während Samson, der Ärmste, bis zum Schluss keine Ahnung hat, WAS er denn nun werden soll, greift Elmo begeistert jede Anregung auf und ändert seinen Berufswunsch alle fünf Minuten. Was aber, wie die Kinder am Ende lernen, überhaupt kein Problem ist, denn es gibt ja sooooooo viele Möglichkeiten, so dass kleine Leute sich getrost noch sehr häufig umentscheiden dürfen, bis sie definitiv EINE Ausbildung wählen müssen.

Die Bühnenbilder und Kostüme sind aufwändig gestaltet, die Musik so schmissig und tanzbar, dass selbst Mütter und Väter sich nur schwer auf den Plätzen halten können. Die meisten Kinder sind ohnehin spätestens beim dritten Lied nur durch die Sicherheitskräfte an den Bühnenaufgängen daran zu hindern, mitten ins Geschehen einzutauchen und platzieren sich - ungeachtet der von den Eltern berappten Eintrittsgebühren - unmittelbar vor der Bühne.

Kein Song gleicht dem nächsten, alle musikalischen Geschmäcker werden überreich bedient. Der Country-Fan kommt dabei ebenso auf seine Kosten wie der Freund von Marschmusik und es fehlen auch nicht moderne Coverversionen beliebter (internationaler) Kinderlieder wie "Die klitze-kleine Spinne" ("Itsy bitsy Spider"). Als "Einstimmung" kann durchaus der Erwerb der entsprechenden CD dienen - vertraute Melodien und Texte finden auch bei einer sehr jungen Zielgruppe ausgesprochen großen Anklang und erlauben es den kleinen Zuschauern, sich auf die Choreographie zu konzentrieren.

Das einzige Manko der neunzigminütigen Vorstellung (die - mit Pause - problemlos auch von Kindern im Alter von drei Jahren und jünger "durchgehalten wird", zumindest sind weder "Abgänge" noch ungeduldiges Quengeln zu beobachten) ist gleichzeitig ihre große Stärke: Aufgrund des Vollplayback-Bandes sprechen alle Akteure mit den aus Film, Funk und Fernsehen vertrauten Stimmen - was zwar jede Irritation bei den Kindern vermeidet, allerdings auch jede Spontaneität im Keim erstickt. Denn für die Schauspieler/Tänzer ist es unmöglich, außer durch Gesten, auf Zurufe oder Aktionen der Kinder zu reagieren - was diesen allerdings wahrscheinlich nicht auffallen wird, da im Drehbuch geschickt Pseudo-Dialoge eingebaut sind, bei denen die "Sesamsträssler" Fragen ins Publikum werfen und dann die (vorhersehbaren) Antworten aufgreifen.

Insgesamt ein sicherlich unvergessliches Erlebnis für kleine und große Fans, dessen einziger nicht unerheblicher Wehmutstropfen die doch recht stolzen Preise für die Tickets.

2002
Ein Bericht von Michaela aus dem krimi-forum
 

    

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