Ritter Rost - Musical für Kinder. Ein Bericht aus München von der Tour 2003.
Sonntag,
9. November 2003, 13.50 Uhr:
"Mama,
frühstückt der Ritter Rost wirklich
Büroklammern? Das wär mir aber zu pieksig!" Der
ausladende Zirkus Krone Bau in München hallt wieder von
dem Stimmengewirr aufgeregter und erwartungsvoller
Zuschauer. Zwischen Eiskonfekt- und Popkorn-Verkäufer
drängen sich im ausverkauften Saal überwiegend
Fünf- bis Neunjährige mit ihren Eltern und
Großeltern - aber auch halbe Schulklassen im
Teenager-Alter (natürlich ohne erwachsene Begleitung)
sind zu sehen.
Punkt
14.00 Uhr geht das Licht aus und das anderthalbstündige
Spektakel beginnt.
Dass
die Geschichte vom alles andere als tapferen Rittersmann bei
den großen und kleinen Zuschauern als bekannt
vorauszusetzen ist, zeigt sich bereits als der
Roboter-Diener (ein ausgesprochen vielseitiger Roald
Schramm, der später noch als Zirkusdirektor und
Schrottkornverkäufer brillieren darf) beim ersten Song
"Tief im Fabelwesenwald" lautstark (und ausgesprochen
textsicher) vom Publikum unterstützt wird.
Als
dann sein Herr die Bühne betritt - der unvergleichliche
Ritter Rost (Marc Suesterhenn, der wie kein Zweiter die
Zuschauer durch sein formvollendetes Zittern zum Lachen
bringt), gibt es kein Halten mehr. Denn schnell wird auch
den Kleinsten klar, dass der Kerl, dessen Oberkörper
aus einer Registrierkasse besteht, und der sich selbst
für den "Schönsten, Stärksten und
Klügsten" hält, in Wirklichkeit ein sehr
hasenfüßiger Hohlkopf ohne Manieren
ist.
Ganz
anders hingegen seine Mitbewohnerin, das bezaubernde
Burgfräulein Bö (kraftvoll und ausdrucksstark:
Sandra Kiefer), das trotz seiner zierlichen Gestalt alles
andere als zerbrechlich ist und ganz gewiss mehr kann als
Stahlwolle zu spinnen. Was der Rotschopf allerdings
zunächst nicht zeigen darf - wird er doch vom
hochmütigen Ritter daran gehindert, den Zirkus zu
besuchen.
Dort
geht es allerdings auch hoch her, denn gleich drei
Künstler wetteifern um die Gunst der Zuschauer. Als da
sind: Ein schüchterner Bauchredner, dem das Publikum
soufflieren muss (Lars Ceglecki, der mit viel Verve auch den
sprechenden Hut gibt), Graf Knoblauch, der Vampir (wieder
Sandra Kiefer), dessen "spritzige" Darbietung als
Blutorangensaftdosenöffner vor allem den Menschen in
den ersten Reihen nachdrücklich in Erinnerung bleibt
und der freche Drache Koks (Liebling aller Kinder,
mitreißend fröhlich verkörpert von Zoraya
Lopez). Doch natürlich kann der Frömmste nicht in
Frieden Feuer spucken, wenn es dem Werwolf Mies (Fridolin
Richter als die personifizierte Verdrossenheit) mit seinem
omnipräsenten TV-Gerät nicht gefällt. Und so
kommt es, wie es kommen muss: Der eine stachelt den anderen
so lange an, bis dieser mit einem mächtigen Feuerstrahl
den Zirkus in Brand setzt - was zum Glück für die
jüngeren Zuschauer nicht mit hohem pyrotechnischen
Aufwand geschieht (erregt allzu viel Explosives doch -
zumindest bis zum Schulalter - meist mehr Aufregung als
Begeisterung).
Nun
ist guter Rat teuer: Der Drache muss gefunden und gefangen
werden, bevor er noch mehr Unheil anrichtet. Doch leider
leider ist gerade jener, der per Definition so etwas
können sollte, nämlich der Ritter Rost, aus
Gründen extremer Ängstlichkeit nicht in der Lage,
diese Aufgabe zu erfüllen.
Gut,
dass hier die toughe Bö einspringen kann - ermutigt von
ihrem sprechenden Hut (mit viel Blues im Filz), während
sich der Blechboy mit seinem Teddy in einer
Sardinenbüchse versteckt. Auf dem Rücken von
Feuerstuhl (Frank Schneider), dem tapferen Ross, dessen von
einer Daimler-Radkappe geschönte Gestalt nicht nur bei
den anwesenden Papas für Lacher sorgt, stellt sie sich
dem Kampf mit dem Drachen.
Einem
hörenswerten Schimpfwörter-Schlagabtausch folgt
ein sehenswerter Sieg - und der Abtransport des
Gummibärchensüchtigen Drachenviechs auf die
Burg.
Und
alle freuen sich, dass der Tatzelwurm am Ende, nachdem er
zur Strafe ein Jahr lang die lästigen Pflichten
erfüllt hat, bei einem großen Fest zum
Reserve-Ritter geschlagen wird.
Ganz
dicht an der Vorlage hat die Leuchtende Augen Produktion
(unter der Leitung von Mike Frede) hier ein Musical auf die
Bühne gebracht, das sich ganz und gar nicht vor
Sesamstrasse und Konsorten verstecken muss. Statt opulenter
Ausstattung wird mit wenigen ausgesuchten Elementen im
Handumdrehen das passende Ambiente geschaffen - der
große Burgsaal wird ratz-fatz zum Zirkusrund oder zum
Turnierplatz. Atmosphäre entsteht so in erster Linie
durch die Künstler und nur am Rande aufgrund der
Kulissen.
Wenn
es dann doch etwas länger dauert mit den Umbauarbeiten,
dann erwächst den Zuschauern sogar noch ein Vorteil aus
dieser Zwangspause. Dürfen sie sich doch über
einen zusätzlichen Song freuen, der (natürlich
nach Rücksprache mit den Autoren) aus einem der anderen
Ritter Rost Bände entliehen wurde: "Das muss ein Ritter
können!" Und dass dieser Ritter und all seine
Gefährten wirklich etwas können, daran besteht
kein Zweifel.
Kein
Wunder, dass das begeisterte Publikum mit großen
glänzenden Augen und roten Wangen nach der
mitreißenden Darbietung vier Zugaben fordert - und so
mancher fast versucht wäre, einfach bis zur 17.00 Uhr
Vorstellung sitzenzubleiben...
2003
Ein Bericht von Michaela aus dem krimi-forum
|